Interessenvertreterinnen und -vertreter  aus den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und der Politik nahmen an dem Event teil | Foto: Eike Strubelt

04.07.2019 | In der vergangenen Woche lud das Leibniz Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in die Vertretung des Landes Bremen beim Bund in Berlin zum „1. Mangrovenzukunftstag“. Insgesamt 35 Interessenvertreter aus den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und der Politik nahmen an dem Event teil. Als weltweit agierender Akteur im Bereich der Forschung, Kapazitätsentwicklung und Beratung zum Thema Mangroven hatte es sich das ZMT zum Ziel gesetzt, mit den Teilnehmern in einen intensiven Dialog über die Zukunft und die Handlungsoptionen zum Schutz der Mangroven zu treten. Prof. Martin Zimmer, Leiter der Arbeitsgruppe Mangrovenökologie am ZMT, gab dafür zunächst einen Impulsvortrag, in dem die Mangroven und bereits bestehende  und zukünftige Herausforderung für diese Küstenökosysteme wissenschaftlich beleuchtet wurden. Anschließend diskutierten die Teilnehmerinne und Teilnehmer in drei verschiedenen Workshops zur Rolle der Mangroven beim Klimawandel, ihre Bedrohung durch Verschmutzung sowie zur Bedeutung der Mangroven für die Nahrungsmittelsicherheit in den tropischen Regionen. Bei den verschieden Workshop ging es darum, Probleme zu identifizieren, um gemeinsam potentielle Lösungsansätze zu entwickeln.

 

Zusammenfassung der Workshops:

,,Mangroven und Verschmutzung " – Prof. Dr. Nils Moosdorf, Leiter der Arbeitsgruppe Submariner Grundwasserabfluss, ZMT

Als Aufwärmübung positionierten sich die Teilnehmer des Workshops in zwei Richtungen im Raum und gewichteten, ob sie Mangroven in ihrem Kontext als wichtig oder unwichtig und als verschmutzt oder unberührt empfinden. Da sich die meisten Teilnehmer an dem Ort aufstellten, der für „wichtig und verschmutzt“ stand, ergab sich ein Konsens für die nachfolgende Diskussion über verschiedene Arten und Wege der Mangrovenverschmutzung. Beide Gruppen hoben jedoch unterschiedliche Aspekte der Verschmutzung von Mangrovenwäldern hervor. Während sich die Beispiele aus der ersten Gruppe hauptsächlich auf Plastikmüll und chemische Verschmutzung konzentrierten, etwa durch Elektroschrott oder Rückstände militärischer Übungen, fokussierte die zweite Gruppe speziell auf Ölabfälle und Düngemittel/Pestizide. Als Ursache für die Verschmutzung in Mangroven wurden vermehrt „interne Quellen“ gesehen, wobei eigentlich davon  ausgegangen werden kann, dass die meisten der in Mangroven lebenden Gemeinschaften tatsächlich ein Interesse an einem guten ökologischen Zustand ihrer Mangroven haben, aber auch „externe Quellen“ wie Flüsse, Grundwasser oder Meeresströmungen tragen zur Verschmutzung bei. Während in beschriebenen  Beispielen oft von gut sichtbaren Verunreinigungen die Rede war (z.B. Kunststoff), sind oft die unsichtbaren Schadstoffe (z.B. Pestizide) umweltschädlicher und ihre Auswirkungen auf Mangroven sind noch wenig bekannt. Es gäbe viele Möglichkeiten, die Umweltverschmutzung zu reduzieren, aber sie müssten auf die einzelne Standorte zugeschnitten und mit den lokalen Gemeinschaften entwickelt werden. Die Teilnehmer erzählten von verschiedenen Beispielen vor Ort: So sammelten etwa Kinder in Mangroven weggeworfene Plastikbecher, um sich ein kleines Taschengeld zu verdienen, oder eine Gemeinde habe eine Abfallauffangvorrichtung in ihrem Fluss gebaut, um zu verhindern, dass Plastik stromaufwärts fließt und ihren Ort verschmutze. Die lebhaften Diskussionen zeigten nicht nur, wie vielfältig das Thema Verschmutzung in Mangroven ist, sondern drehten sich auch um Lösungsansätze zur Verbesserung der Situation.

 

„Mangroven und Nahrungssicherheit "  –  Paula Senff, Doktorandin in der Arbeitsgruppe Ökophysiologie, ZMT

Der zweite Workshop stellte eine nachhaltige Methode der Lebensmittelproduktion vor: die integrierte Mangroven-Aquakultur (IMA). Die integrierte Mangroven-Aquakultur ist eine nachhaltigere Art der Aquakultur in Mangrovengebieten, die die Baumbedeckung in und um die Teiche herum erhält oder wiederherstellt, mit dem Ziel, ein Niveau der Ökosystemfunktion aufrechtzuerhalten, das auch die Aquakulturproduktion verbessert. Trotz der klaren Vorteile für die Lebensmittelqualität und den langfristigen Naturschutz ist die IMA in vielen Mangrovenregionen noch nicht integriert. Ziel dieses Workshops war es, durch ein "Stakeholder-Roundtable-Diskussionsformat" das Bewusstsein für die Schwierigkeiten der IMA-Integration in Mangrovenregionen zu schaffen. Die Teilnehmer des Workshops wurden gebeten, verschiedene Ansichten von ausgewählten Interessengruppen zu vertreten, darunter Garnelenteichbauern, Kleinfischer, Holzsammler, Regierungsmitarbeiter und Naturschützer. In den anschließenden Gesprächen wurden verschiedene Herausforderungen diskutiert: Neue, nachhaltigere Formen der Nahrungsmittelproduktion könnten die Qualität der Lebensmittel definitiv verbessern, aber wenn sie mit einem Mengenrückgang einhergingen, würde dies eine Erhöhung der Nahrungsmittelpreise erfordern, um die Existenzgrundlage der Bauernfamilien zu sichern. Kann das für lokale Familien bezahlbar sein? Um diese Herausforderung zu meistern sei auch die Unterstützung der Regierung gefragt.  Auf der positiven Seite könnten Nachhaltigkeitsbemühungen auch völlig neue Beschäftigungsformen ermöglichen, obwohl die Workshop-Teilnehmer einräumten, dass nur wenige Einheimische davon profitieren würden, während Interessengruppen, die auf einen offenen Zugang zu Mangroven angewiesen sind, wie Fischer und Holzsammler, ihre Lebensgrundlage gefährdet sehen könnten. Darüber hinaus erfordere die Integration der IMA mangels Erfahrung intensive Schulungen der lokalen Bevölkerung sowie die Unterstützung bei der Infrastrukturfinanzierung und könnte wahrscheinlich nur erreicht werden, wenn die lokale Bevölkerung überzeugt und nicht zur Integration der IMA gezwungen würde. Dies wäre in Regionen einfacher, in denen die Landwirte bereits unter Problemen bei der Nahrungsmittelproduktion und Ernteausfälle litten und einen Zusammenhang mit dem geschädigten Ökosystem erkannten. Die Unterstützung der Landwirte beim Zugang zu nachhaltigen Lieferketten würde die IMA-Integration zusätzlich erleichtern.

Zusammenfassend waren sich die Workshop-Teilnehmer einig, dass die IMA eine große Chance für die Zukunft der Mangroven sei, räumten aber auch ein, dass die mit der IMA verbundenen Herausforderungen gemeinsam mit den lokalen Bauern aktiv gelöst werden müssten.

 

,,Mangroven und Klima" – Prof. Dr. Martin Zimmer, Leiter der Arbeitsgruppe Mangrovenokologie, ZMT

Die beiden Gruppen unterschieden sich in ihrer Wahrnehmung des Themas, wobei die erste Roundtable-Sitzung hauptsächlich den Klimawandel als größte Bedrohung für Mangrovenökosysteme ansah, während der Anstieg des Meeresspiegels und die Ausbeutung von der zweiten Roundtable-Sitzung als größte Bedrohung wahrgenommen wurden. Beide Gruppen waren sich im Wesentlichen einig über die beiden Perspektiven, dass Mangroven einerseits vom Klimawandel bedroht sind und anderseits dazu dienen, die Anpassung an den Klimawandel durch den Küstenschutz zu mildern und zu unterstützen. Während Mangroven große Mengen an CO2 pro Flächeneinheit speichern, bedecken sie weltweit nur eine sehr kleine Fläche, verglichen mit z.B. tropischen Regenwäldern. Mangroven beherbergen viele Tiere und Pflanzen, aber ihre Biodiversität ist im Vergleich zu z.B. tropischen Regenwäldern eher gering. Aus dieser Sicht scheinen weder der Klimaschutz noch die Biodiversität per se Hauptgründe für den Schutz von Mangroven zu sein, obwohl dies die am häufigsten in der Öffentlichkeit vorgeschlagenen sind. Vielmehr sollten die Existenzgrundlage und das Wohlergehen der lokalen Gemeinschaften sowie die Anpassung an klimabedingte Bedrohungen (wie Ernährungssicherheit und Küstenschutz) im Mittelpunkt stehen. Keine der beiden Roundtable-Sitzungen kam zu einem eindeutigen Schluss, wie man am besten und ehrlich argumentieren kann, um das Bewusstsein für die Notwendigkeit des Mangrovenschutzes zu schaffen. In der abschließenden Plenardiskussion folgte die Gruppe der Initiative von Dr. Veronique Helfer (ZMT), mit der Arbeit an einem gemeinsamen Positionspapier über ehrliche Argumentation in der wissenschaftlich-öffentlichen Kommunikation zu beginnen, wobei ein besonderer Fokus auf der Wahrnehmung liegt, welche die größten Bedrohungen für Mangrovenökosysteme sind.