04.02.2026 | Die Coalition for Advancing Research Assessment (CoARA) hat ein White Paper veröffentlicht, in dem sie sich dafür ausspricht, dass Forschungsförderer:innen, Universitäten und politische Entscheidungsträger:innen neben akademischer Exzellenz auch die gesellschaftliche Wirkung zu einem zentralen Kriterium für die Bewertung und Finanzierung von Forschung machen.
Die Publikation ‘Transformative Research Assessment: Integrating Societal Impacts into Evaluation Frameworks’ bietet ein pluralistisches Verständnis davon, was gesellschaftliche Wirkung ist, und skizziert, wie Forschungssysteme gesellschaftliche Wirkungen in der Praxis generieren, bewerten und integrieren könnten.
Mehr als 60 Expert:innen aus über 30 europäischen Institutionen innerhalb des Teams ‘Societal Impact’ der CoARA Arbeitsgruppe Towards Transformation haben Praxisbeispiele in konkrete, rollenspezifische Leitlinien und einen gemeinsamen Rahmen auf der Grundlage von sechs Leitprinzipien zusammengefasst, die von verschiedenen Forschungssystemen umgesetzt werden können.
Das von der Gruppe „Societal Impact“ erarbeitete White Paper ist die erste offizielle Publikation der CoARA-Gemeinschaft und zugleich der erste Beitrag, der in der Ressourcensammlung „CoARA Collection“ vorgestellt wird. Mit dieser Sammlung sollen der Forschungsgemeinschaft praxisnahe Instrumente für Reformen bereitgestellt werden. Die Gruppe „Societal Impact“ wird gemeinsam geleitet von Prof. Dr. Raimund Bleischwitz, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenforschung (ZMT), und Prof. Dr. Teresa Sordé Martí von der Autonomen Universität Barcelona. Das Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) fungiert als federführende Institution der CoARA-Untergruppe „Societal Impact“ und stellt die finanzielle Unterstützung bereit; zur Untergruppe gehört zudem die Co-Autorin Dr. Estradivari vom ZMT.
Eine Antwort auf globale Herausforderungen
Die Forschung steht unter Druck, auf miteinander verflochtene Krisen wie Klimawandel, soziale Ungleichheit und Pandemien zu reagieren. Dennoch dominieren in den gängigen Bewertungsverfahren nach wie vor Publikationszahlen und Zitierhäufigkeiten, die den gesellschaftlichen Wert der Forschung nicht vollständig erfassen können.
Die Autor:innen des White Papers argumentieren, dass gesellschaftlicher Wandel ein manchmal langsamer und kumulativer Prozess ist, der gemeinsam mit vielen Partner:innen und Bewertungssystemen gestaltet wird. Daher sollten glaubwürdige Beiträge zu Verbesserungen in der realen Welt anerkannt werden, während die Berichtspflichten verhältnismäßig bleiben sollten.
Kernpunkte des White Papers „Transformative Forschungsbewertung: Integration gesellschaftlicher Auswirkungen in Bewertungsrahmen“
- Wirkungsorientierte Forschungskultur: Das White Paper plädiert für einen Wandel von Compliance-orientierten, publikationsbasierten Messgrößen hin zu einer wirkungsorientierten Forschungskultur, die Bewertung und Finanzierung an gesellschaftlichen Bedürfnissen ausrichtet. Die Autor:innen heben drei Prioritäten hervor: die Einbettung gesellschaftlicher Auswirkungen in die Finanzierungslogik, die Verwendung gemischter Methoden zur Bewertung glaubwürdiger Beiträge zum Wandel und die Förderung eines institutionellen Umfelds, das Engagement belohnt und Auswirkungen als integralen Bestandteil von Exzellenz betrachtet.
- Sechs Leitprinzipien für die Reform: Die Verfasser:innen schlagen sechs Leitprinzipien für eine Transformation der Forschungsbewertung vor: Priorisierung der gesellschaftlichen Relevanz, Akzeptanz von Pluralismus, Planung der Wirkung von Anfang an, gemeinsame Gestaltung mit Interessengruppen, Bewertung von Nutzen und Risiken sowie Ausgewogenheit zwischen Rechenschaftspflicht und Lernen durch verhältnismäßige, überprüfbare Nachweise.
- Praktische Schritte zur Umsetzung: Um die Grundsätze in die Praxis umzusetzen, empfehlen die Autor:innen konkrete Maßnahmen für Geldgeber:innen, Institutionen, Forschende Unternehmen und Partner:innen aus der Zivilgesellschaft. Dazu gehören die Schulung von Evaluator:innen, die Angleichung von Anreizen, damit gesellschaftliche Auswirkungen bei der Personalbeschaffung, Beförderung und Finanzierung berücksichtigt werden, die Einrichtung von Vermittlerrollen, die Finanzierung von Pilotprojekten mit Zwischenindikatoren und die Anwendung einfacher Instrumente wie Vorlagen für die Wirkungsplanung und Ergebnisnotizen. Das White Paper betont, dass akademische Exzellenz und gesellschaftliche Wirkung synergistische und keine konkurrierenden Ziele sind.
„Die Forschungs- und Innovationsagenda der EU, einschließlich des Programms ‚Horizont Europa‘ und damit verbundener Reformbemühungen, experimentiert bereits mit missionsorientierten und pfadorientierten Ansätzen“, sagt Erstautor Raimund Bleischwitz vom ZMT. „Die Leitlinien von CoARA übersetzen praktische Erkenntnisse aus europäischen Erfahrungen in Governance-Optionen und konkrete Schritte, die EU-Institutionen, nationale Fördernde und Universitäten umsetzen können, um gesellschaftliche Auswirkungen in die Bewertung einzubeziehen und die Ausrichtung auf die Ziele für nachhaltige Entwicklung und die EU-Missionen zu beschleunigen.“
Prof. Dr. Teresa Sordé Martí von der Autonomen Universität Barcelona fügt hinzu: „Europa ist bereits in Bewegung, aber wir brauchen gemeinsame Grundsätze, um diese Ansätze fair und effektiv zu skalieren. Diese Publikation gibt Entscheidungsträger:innen die Sprache und die Werkzeuge an die Hand, um Reformen über nationale und institutionelle Grenzen hinweg aufeinander abzustimmen.“
Dr. Matthias Girod, Programmmanager von CoARA, betont: „Die Vision von CoARA ist es, die gesamte Vielfalt der Forschungsergebnisse, -praktiken und -aktivitäten anzuerkennen, die zu Qualität und Wirkung beitragen. Dieses White Paper setzt diese Vision in die Praxis um. Als erstes von der Gemeinschaft unterstütztes Ergebnis von CoARA bietet es Geldgebenden und Institutionen konkrete Möglichkeiten, gesellschaftliche Auswirkungen in die Bewertung einzubeziehen, ohne die akademische Freiheit zu untergraben oder Forschende zu überlasten.“
Publikation:
Bleischwitz, R., Martí, T. S., Ciarli, T., Ferré, M., Estradivari, Matt, M., Binot, A., Soler-Gallart, M., & Chavarro, D. (2025). Transformative Research Assessment: Integrating Societal Impacts into Evaluation Frameworks. CoARA.
DOI: https://doi.org/10.5281/zenodo.17722382
