Erste globale Rote Liste der IUCN zeigt: Korallenriffe weltweit akut vom Zusammenbruch bedroht
ZMT und Forschende der Universidad del Valle an wegweisender Bewertung der Korallenriff-Ökosysteme mit Daten aus dem östlichen tropischen Pazifik beteiligt
Die erste globale Bewertung von Korallenriff-Ökosystemen im Rahmen der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN zeigt, dass 96 Prozent der untersuchten Ökosysteme vom Zusammenbruch bedroht sind und als vom Zusammenbruch akut bedroht eingestuft werden. Forschende des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenforschung (ZMT) steuerten wissenschaftliche Daten aus dem östlichen tropischen Pazifik bei. Dort sind neun von zehn Korallenriff-Ökoregionen akut vom Zusammenbruch bedroht, während eine bereits zusammengebrochen ist.
Die Korallenriffe der Erde sind einer beispiellosen Bedrohung ausgesetzt. Laut der ersten globalen Bewertung im Rahmen der Roten Liste der Ökosysteme der Weltnaturschutzunion (IUCN), die am 22. Oktober 2026 veröffentlicht wurde, besteht für nahezu alle untersuchten Flachwasser-Korallenriff-Ökosysteme ein extrem hohes Risiko, innerhalb der nächsten 50 Jahre zusammenzubrechen. Von den weltweit 127 bewerteten Korallenriff-Ökoregionen wurden 122 (96 Prozent) als vom Zusammenbruch akut bedroht (Critically Endangered) eingestuft. Für vier Regionen ist die Datenlage unzureichend (Data Deficient), eine gilt bereits als zusammengebrochen (Collapsed).
Die wegweisende Bewertung wurde während der 17. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD COP17) in Jerewan, Armenien, vorgestellt. Sie vereint das Fachwissen von mehr als 250 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie jahrzehntelange ökologische Beobachtungsdaten aus über 80 Ländern und Territorien.
Zu den Mitwirkenden gehören die ZMT-Riffökologinnen Sonia Bejarano und Andrea Arriaga sowie der Evolutionsökologe Fernando Zapata von der Universidad del Valle in Kolumbien. Sie steuerten Daten zu den Korallenriff-Ökosystemen im östlichen tropischen Pazifik bei. Ihre Beiträge flossen in die regionale Bewertung ein und halfen dabei, die ökologischen Herausforderungen dieser Riffe in einen globalen Zusammenhang einzuordnen.
Klimawandel treibt Korallenriffe an den Rand des Zusammenbruchs
Die Bewertung identifiziert den durch die globale Erwärmung verursachten Hitzestress als die weltweit am weitesten verbreitete Bedrohung für Korallenriff-Ökosysteme. Steigende Meerestemperaturen und immer häufigere marine Hitzewellen führen zu massenhaften Korallenbleichen und zum Absterben von Korallen. Zwischen den Extremereignissen bleibt den Riffen dadurch nicht genügend Zeit, sich zu erholen.
Besonders alarmierend sind die Ergebnisse, weil sie auch die künftig zu erwartenden Auswirkungen des Klimawandels berücksichtigen. Würden ausschließlich die beobachteten Veränderungen der vergangenen 50 Jahre zugrunde gelegt, wären 24 Prozent der Korallenriff-Ökosysteme als vom Zusammenbruch akut bedroht einzustufen. Unter Einbeziehung des prognostizierten Hitzestresses in den kommenden 50 Jahren steigt dieser Anteil auf 96 Prozent.
Die Bewertung basiert auf dem mittleren Emissionsszenario des Weltklimarats IPCC (SSP2-4.5), das bis zum Ende des Jahrhunderts von einer Erwärmung der Atmosphäre um etwa 2,7 °C ausgeht.
Korallenriffe gehören zu den artenreichsten Ökosystemen der Erde. Sie bieten Lebensraum für eine enorme Vielfalt an Meeresorganismen und sind von großer Bedeutung für die Fischerei, den Küstenschutz und den Tourismus. Ihr Zusammenbruch hätte daher weitreichende Folgen für die marine Biodiversität und für Millionen von Menschen, deren Lebensgrundlagen von intakten Riffen abhängen.Östlicher tropischer Pazifik: Widerstandsfähige Riffe stoßen an ihre Grenzen
Der östliche tropische Pazifik ist eine Region, die durch stark schwankende Umweltbedingungen und ungünstige Voraussetzungen für die Entwicklung von Korallenriffen gekennzeichnet ist. Dennoch kommen in weiten Teilen der Region vereinzelt Korallenriffe vor.
Obwohl die Forschenden erwarten würden, dass diese Riffe besonders anfällig sind, haben sie sich tatsächlich als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen. Diese Widerstandsfähigkeit scheint jedoch Grenzen zu haben. Das zeigt das Verschwinden der Korallenriffe im westlichen Galápagos-Archipel nach der extremen Erwärmung und Korallenbleiche während des El-Niño-Ereignisses von 1982/83. Dies sollte als Warnung vor den Folgen der anhaltenden globalen Erwärmung dienen, die heute die größte Bedrohung für Korallenriffe darstellt, betonen die Forschenden.
Sonia Bejarano, Leiterin der ZMT-Arbeitsgruppe Riffsysteme: „Korallenriffe im östlichen tropischen Pazifik sind von Natur aus klein und isoliert, aber dennoch widerstandsfähig. Unsere Bewertung zeigt, dass der mit der fortschreitenden globalen Erwärmung verbundene Hitzestress ihre größte Bedrohung darstellt, gefolgt von ihrer geringen räumlichen Ausdehnung. Um einen weiteren Zusammenbruch zu verhindern, müssen die Treibhausgasemissionen weltweit reduziert, lokale Ursachen für Riffschäden eingedämmt und die regional abgestimmte Planung von Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel gestärkt werden.“
Westliche Galápagos-Inseln: Eine Warnung aus der Vergangenheit
Ein noch besorgniserregenderes Bild zeigt sich im westlichen Galápagos-Archipel. Die Region ist ein besonders eindrückliches Beispiel für die langfristigen Folgen extremer Meereserwärmung. Laut der Bewertung im Rahmen der Roten Liste der Ökosysteme der IUCN sind die westlichen Galápagos-Inseln die einzige Korallenriff-Ökoregion weltweit, die als zusammengebrochen (Collapsed) eingestuft wird.
„Auch wenn der Begriff ‚zusammengebrochen‘ sehr endgültig klingen mag, bedeutet er nicht, dass die Region ihren ökologischen Wert oder ihre Bedeutung für den Naturschutz verloren hat“, erklärt Andrea Arriaga vom ZMT. „Ganz im Gegenteil: Obwohl ihre Korallenriffe infolge der extremen Erwärmung während des El Niño von 1982/83 weitgehend verschwunden sind, beherbergen die westlichen Galápagos-Inseln nach wie vor Hunderte von Meeresarten, darunter viele endemische Arten, die ausschließlich dort vorkommen. Die Region ist deshalb weiterhin von unschätzbarem Wert für den Naturschutz.“
Fernando Zapata betont: „Während sich 2026 ein weiteres potenziell extremes El-Niño-Ereignis entwickelt, ist die Lehre aus den westlichen Galápagos-Inseln eindeutig: Selbst widerstandsfähige Ökosysteme haben ihre Grenzen, und ihr Zusammenbruch kann Folgen haben, die über Jahrzehnte anhalten.“
Ein entscheidendes Zeitfenster zum Handeln
Trotz der alarmierenden Ergebnisse betont die Bewertung, dass die meisten Korallenriff-Ökosysteme bislang noch nicht zusammengebrochen sind. Viele beherbergen weiterhin lebende Korallen und haben das Potenzial, sich zu erholen, wenn die Belastungen verringert werden können.
Die IUCN sieht in einer raschen Verringerung der Treibhausgasemissionen die wichtigste Maßnahme, um einen künftigen Zusammenbruch von Korallenriffen zu begrenzen. Gleichzeitig bleibt ein wirksamer Naturschutz vor Ort unverzichtbar. Die Verringerung der Umweltverschmutzung, ein verbessertes Fischereimanagement, der Schutz von Rifflebensräumen und der Ausbau des ökologischen Monitorings können dazu beitragen, die Widerstandsfähigkeit der Riffe zu stärken.
Die globale Rote Liste der Korallenriff-Ökosysteme schafft eine wissenschaftliche Grundlage, um das Risiko eines Zusammenbruchs von Ökosystemen zu bewerten, Prioritäten für den Naturschutz festzulegen und künftige Veränderungen zu beobachten.
Für den östlichen tropischen Pazifik unterstreichen die Ergebnisse die Notwendigkeit eines grenzüberschreitend koordinierten Naturschutzes und einer kontinuierlichen wissenschaftlichen Zusammenarbeit.
Die Beiträge der ZMT-Forschenden zu dieser ersten globalen Bewertung verdeutlichen, wie wichtig regionale ökologische Kenntnisse und langfristige Beobachtungsprogramme sind, um die Zukunft der Korallenriffe weltweit besser zu verstehen. Zugleich machen sie die bestehende Zusammenarbeit zwischen dem ZMT und seinen Partnern in Kolumbien im Rahmen der Kooperationsinitiative COLDEMAR deutlich. Die deutsch-kolumbianische Initiative bündelt technische, wissenschaftliche und institutionelle Kompetenzen, um der globalen Klimakrise zu begegnen.
Weitere Informationen
IUCN-Pressemitteilung: Nahezu alle Korallenriff-Ökosysteme sind innerhalb der nächsten 50 Jahre einem hohen Risiko des Zusammenbruchs ausgesetzt:
https://iucn.org/press-release/202610/virtually-all-coral-reef-ecosystems-face-high-risk-collapse-50-years-iucn-red
IUCN: Rote Liste der Korallenriff-Ökosysteme – Ergebnisse und regionale Bewertungen:
https://iucn.org/story/202610/red-list-coral-reef-ecosystems
