Peruanische Anchovis | Foto: Hans Jara, IMARPE

Nutzung und Schutz aquatischer Ressourcen

Aktuell wird viel Wert darauf gelegt, das Potenzial des Meeres (z.B. Bioökonomie, Blue Economy, Blue Growth) intensiver und auf neue Weise zum Wohle der Menschheit zu nutzen. Dieser Prozess wird unweigerlich zu vielen sozialen und ökologischen Herausforderungen in Bezug auf die Nachhaltigkeit führen, die auf wissenschaftlicher Basis verstanden werden müssen. Der Programmbereich „Nutzung und Schutz aquatischer Ressourcen" ist ein Beitrag zur Schaffung einer wissenschaftlichen Grundlage für eine nachhaltige Nutzung aquatischer Organismen als Nahrungsmittel und für andere Zwecke. PB 1 trägt zur Entwicklung umweltfreundlicher Kultivierungsmethoden und zu nachhaltigen, ökosystem- und armutsorientierten Formen des Managements und der Governance von Küstenressourcen bei.

Aquatische Ressourcen sind die Hauptlieferanten von tierischem Eiweiß für die meisten der sub-/tropischen Küstenbewohner. Etwa 200 Millionen Tonnen aquatischer Ressourcen werden jährlich aus den Meeresökosystemen entnommen.1Der Nettoerlös aus dem Fischhandel der Entwicklungsländer (Export - Import)2 belief sich im Jahr 2016 auf 36 Milliarden US-Dollar und ist somit größer als der Nettoerlös aus allen anderen landwirtschaftlichen Rohstoffen zusammen.3

Mit 58 Millionen direkt und 200 Millionen indirekt im Fischereisektor und in der Aquakultur Beschäftigten hängt die Lebensgrundlage von rund 660 bis 880 Millionen Menschen vom Fischereisektor ab. Bei zunehmenden Bevölkerungszahlen, insbesondere an den tropischen Küsten, wird die Nachfrage nach Proteinen aus dem Meer weiter zunehmen.4

Die Fischerei- und Aquakultursektoren sind zwei der am stärksten globalisierten Märkte. Etwa die Hälfte des in der EU konsumierten Fisches stammt hauptsächlich aus tropischen Ländern. Dies verdeutlicht, wie wichtig dieses Thema ist und wie sehr wir als Verbraucher daran beteiligt sind.

Ökosystembasierte Studien zu den Antriebsfaktoren in der Fischereiproduktion und die Erforschung neuer Ansätze für eine nachhaltigere Ressourcennutzung und -erhaltung, geringere Nachfangverluste sowie verbesserte und effizientere, integrierte, ökosystembasierte Aquakultursysteme sind hier von zentraler Bedeutung. Dies erfordert einen ganzheitlichen Forschungsansatz, der sich bei der Erforschung von Organismen, Gemeinschaften, Ökosystemen und Sozialsystemen darauf konzentriert, die Auswirkungen von Fischfang und Aquakultur auf allen Ebenen zu verstehen und auf Grundlage von Modellen vorherzusagen. Ökophysiologische Untersuchungen an Zielspezies im Labor sowie Feldstudien zur Artenzusammensetzung biologischer Gemeinschaften, zur Nahrungsnetzstruktur, zu Energieströmen und Nährstoffkreisläufen in Ökosystemen sind zentrale Bestandteile von PB 1. In diesem Zusammenhang werden auch neue ökologische Nutzungsmöglichkeiten für lebende Biota, einschließlich Futtermittelproduktion und Herstellung pharmazeutischer Produkte aus einzelligen Algen und anderen Biota, untersucht.

Die Forschung in diesem Programmbereich erstreckt sich auf die neuen Bereiche der Bioökonomie und Blue Economy und verfolgt das allgemeine Ziel, die wissenschaftliche Basis zur Entwicklung nachhaltiger Lösungen für das Management und die Erhaltung tropischer Küstenökosysteme zu stärken. Nachhaltige Lösungen erfordern ökologische, aber in hohem Maße auch soziale Innovationen in Bezug auf Governance-Praktiken wie Zertifizierungen, Maßnahmen zur Neuzuweisung von Gebieten als Ausweg aus illegaler Fischerei, neue Formen der Beteiligung oder allgemein der Eigentumsrechte. Die neue aquatische Produktion ist Veränderungen unterworfen und erhöht oftmals den Druck auf das sozial-ökologische System, ermöglicht aber auch hohe Nutzen. In diesem Programmbereich werden die notwendigen Veränderungen im Governance-Bereich und die von den Gemeinden aufgrund der veränderten Nutzung beabsichtigten nachhaltigen Transformationsansätze untersucht.

Dies beinhaltet u.a. die empirische Bewertung von Kontestations-/Verhandlungsprozessen, z.B. zwischen kleinen und großen Fischereibetrieben verschiedener Länder oder zwischen Aquakulturen auf kleinerer Gemeinschaftsebene und großer industrieller Ebene, die darauf hindeuten, dass biologische Meeresressourcen von der Öffentlichkeit zunehmend als wertvolle Rohstoffe wahrgenommen werden.

Da Trinkwasser eine weitere natürliche Ressource von größter Bedeutung ist und in tropischen Küstengebieten immer knapper wird, hat die Forschung das Konzept des Water-Food-Energy Nexus5 auf die Küste ausgedehnt. Dort wo übermäßiger Wasserverbrauch zu einem Absinken des Grundwasserspiegels führt, kann es zu einem steigenden Salzgehalt kommen, der neben anderen Küstendynamiken (Meeresspiegelschwankungen, Erosion, Verlust von Habitaten) das Potenzial für eine nachhaltige Erzeugung von Nahrungsmitteln und anderen Bioprodukten erheblich verändern kann. Die Forschung muss sich mit Fragen der Anpassungsfähigkeit und alternativen Einkommensquellen sowie der Gerechtigkeit bei der Verteilung von Nahrungsmitteln und Einkommen der Küstenbevölkerung befassen.

Anmerkung: Zwei Arbeitsgruppenleiter und ein Abteilungsleiter fungieren als Sprecher und Co-Sprecher der einzelnen Programmbereiche, um dem interdisziplinären Forschungsansatz des ZMT Rechnung zu tragen. Sie sind unter dem Punkt „Kontakte“ aufgeführt.


1 Siehe http://www.fao.org/fishery/en (Feb. 15, 2019).

2 einschliesslich: Kopffüßer, Mollusken, Algen etc.

3 United Nations Conference on Trade and Development

4 EU: Food from the Oceans (2017): https://ec.europa.eu/research/sam/pdf/sam_food-from-oceans_report.pdf (Feb. 15, 2019).

5 Zum Konzept, siehe http://www.unwater.org/water-facts/water-food-and-energy/  (Feb. 15, 2019).